Neues gestalten, Altes erhalten

Die bekannte Wand im Treppenhaus wird umgestaltet. Dazu einige Gedanken eines Involvierten:

Seit fast 20 Jahren wurden alle Personen, die bei uns am Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) das Treppenhaus betraten, von mehreren Augenpaaren begleitet – einige Augen schauten einem streng hinterher, andere schauten sanft auf uns herab.

Die Augenpaare gehörten auf einem großflächigen Wandgemälde zu all den vielen Lehrerinnen und Lehrern, die in den letzten Jahrzehnten seit der Gründung des THG vor über 50 Jahren an unserer Schule gewirkt und nach und nach hier auch pensioniert worden sind. Entstanden ist die Idee im Rahmen der Projektwoche 2002 und wurde seit jeher von besonders künstlerisch begabten Schülerinnen und Schülern Jahr für Jahr fortgeführt.

Jeder, der am THG unterrichtet worden ist oder selbst unterrichtet hat, wird zu mindestens einem Gesicht eine Geschichte erzählen können – in den meisten Fällen wahrscheinlich sogar zu sehr viel mehr Gesichtern. Für mich persönlich war vor allem die rechte Wandseite interessant, da ich – seit ich im Jahr 2000 auf das THG kam – bei all den dort abgebildeten Lehrkräften einmal Unterricht hatte (zumindest vertretungsweise) und zu vielen Gesichtern könnte ich jetzt spontan zahlreiche Anekdoten erzählen. Da ich mich selbst als Schüler am THG immer sehr wohl gefühlt habe, waren für mich die Gesichter der rechten Wandseite mit zahlreichen positiven Erinnerungen und Gedanken verknüpft. Bei Sommerfesten und dem Tag der offenen Tür hatte ich aber immer wieder auch vernehmen können, dass, je länger die eigene Schulzeit zurücklag, desto ambivalenter die Erinnerungen an die Gesichter zu werden schienen. Die Wahrnehmung anderer Sichtweisen habe ich dabei immer auch als Bereicherung wahrgenommen.

20 Jahre sind ein langer Zeitraum. So, wie ich selbst zu den Gesichtern der linken Wandseite keinen persönlichen Bezug hatte, so kennt die heutige Schülergeneration teilweise schon gar kein Gesicht mehr – und für so manche Sextaner wirkt es sogar komisch bis befremdlich, von den zahlreichen Augenpaaren der auf Wolken schwebenden Köpfe tagtäglich angeschaut zu werden. Nach fast 20 Jahren ist es erneut die Kunstfachschaft, die innerhalb unserer Schule durch eine Umgestaltung dieser Wand neue Akzente setzen wird.

Ich war anfangs irritiert von dem Gedanken, dass das mühevoll erstellte Gesamtkunstwerk, das mich schon so lange am THG begleitete, nun verändert werden soll. Schließlich waren dort auch Gesichter zu sehen, zu denen man eine besondere Bindung hatte, wie zum Beispiel zu dem Abbild von Herrn Dr. Homann, den ich in meiner Abirede einst, wie folgt, gewürdigt habe:

„Rückblickend muss ich sagen, glich unsere Stufe ein bisschen einer Ehe, denn wir hielten zusammen in guten, wie auch schlechten Zeiten! Und damit bin ich auch schon bei meiner letzten zu lobenden Person angekommen:

Wir schreiben den 22. September 2006. Die Schulglocke läutete und der Geschichtsunterricht bei Frau Denger war zu Ende, doch gleichzeitig ertönte auch die Stimme von Frau Zerr und sie sprach sehr energisch: ‚Alle Lehrerinnen und Lehrer versammeln sich umgehend im Lehrerzimmer zu einer Dringlichkeitsbesprechung; ich wiederhole: Alle Lehrerinnen und Lehrer finden sich sofort im Lehrerzimmer ein!‘

Ja. Dies war der Moment, in dem wir alle erfuhren, dass Herr Dr. Homann beim Bergsteigen verstorben war.

Herrn Dr. Homann, der leider nicht mehr unter uns weilt, möchte ich an dieser Stelle ganz herzlich danken. Er war ein toller Mathematiker, ein grandioser Physiker und ein noch besserer Klassenlehrer, dessen Engagement für seine Schüler nicht mit dem Schulgong endete.

Nur der Vergessene ist wirklich tot! –  Ich hoffe, in dem ein oder anderen einige Erinnerungen wachrütteln zu können und Herrn Dr. Homann dadurch im Geiste oder im Herzen wieder lebendig werden zu lassen.“

Das THG hat – wie die Schulzeit im Allgemeinen – viele Geschichten und Anekdoten hervorgebracht, hier konnte man gemeinsam lachen und gemeinsam trauern, füreinander einstehen und miteinander über sich selbst hinauswachsen. In den letzten 50 Jahren sind da mit Sicherheit bei allen von uns viele Erinnerungen und Erzählungen zustande gekommen.

Zudem wird seit jeher am THG Kunst nicht nur im Kunstunterricht vermittelt, sondern im gesamten Schulgebäude sichtbar und erfahrbar. Unsere Kunstfachschaft wird daher die Wand umgestalten, Elemente der alten Wand (v. a. die Namen) übernehmen, aber das Design wird gänzlich anders werden. Die neue Wandgestaltung wird auch den Aufgang des Treppenhauses einbeziehen und dafür sorgen, dass die neue Gestaltung sowohl für die alten, die jetzige als auch für die zukünftigen Generationen identitätsstiftend sein kann.

Das alte Wandbild in all seiner künstlerischen Gestaltung, mit den vielen emotionalen Bezügen und dem Anspruch der Würdigung und Erinnerung soll dabei auch weiterhin jederzeit betrachtet werden können – und zwar digital, hier auf unserer Homepage. Über einen QR-Code, der in die neue Wandgestaltung integriert wird und über den die alte Wand digital erkundet werden kann, werden beide Kunstwerke zudem modern und zeitgemäß miteinander verbunden.

Neues gestalten, Altes erhalten!“ – Diesem Motto fühlen wir uns nicht nur, aber gerade in diesem Zusammenhang besonders verpflichtet.

Impressionen